Split screen showing U-Bahnhof Museusmisnsel und Sefie von Klaus am Schlesischen Tor

Der Himmel unter den Linden – und über Kreuzberg

by Klaus Wehner

Berlin verändert sich ständig – sichtbar besonders dort, wo Geschichte, Architektur und Alltag aufeinandertreffen. Dieser Blogbeitrag nimmt Sie mit auf eine persönliche Reise entlang der neuen U5, vom historischen Zentrum unter den Linden bis zum quirligen Hochbahnhof Schlesisches Tor in Kreuzberg. Ein Blick auf Baustellen, Bahnhöfe, Stadtgeschichte und die kleinen Details, die man im Alltag oft übersieht.

Baustellen, Geduld und die Hoffnung auf das Danach

Baustelle Pergamonmuseum
Die Baustelle Pergamonmuseum. Komplette Wiedereröffnung: 2037...
Als Stadtführer im historischen Zentrum Berlins zeigt man Besucherinnen und Besuchern leider regelmäßig – und oft über Jahre hinweg – Orte, die Baustellen sind. Das Zeughaus, der Reichstag und der Platz der Republik, das Pergamonmuseum, das Märkische Museum, die Einheitswippe oder die Freitreppe des neuen alten Schlosses: Die Liste ließe sich problemlos fortsetzen.

„Und hier sehen wir den schönsten Platz Berlins – manche sagen sogar Europas –, aber leider nicht im Moment!“ So lautete über lange Zeit die Einführung zum Gendarmenmarkt, während Bauzäune und Gerüste den Blick bestimmten. Zwischenzeitlich konnte man die Baustelle sogar von einem eigens errichteten Aussichtsturm betrachten.

Unter den Linden und die neue U5

Was mir Hoffnung gibt, ist die Erfahrung, dass auch Dauerbaustellen irgendwann verschwinden und man sich dann darüber freuen kann, dass sich das Warten gelohnt hat. Ein solcher Ort ist für mich Unter den Linden – und dort die Verlängerung der U5, die größtenteils unter dem Boulevard vom Alexanderplatz bis zum Hauptbahnhof entlangläuft.
Die Strecke weist eine Liste von Bahnhofsnamen auf, die sich wie eine Aufzählung Berliner Sehenswürdigkeiten liest: Rotes Rathaus, Museumsinsel, Unter den Linden, Brandenburger Tor, Bundestag und weiter zum Hauptbahnhof.

Durch diese Verlängerung ist die U5 zu einer über 22 km langen Strecke geworden, die den Endbahnhof Hönow direkt mit dem Hauptbahnhof verbindet. Für den Berliner Osten ist es großartig, direkt bis zum Hauptbahnhof fahren zu können; für den Hauptbahnhof bedeutet es eine direkte Anbindung an das U-Bahn-Netz, und für die Museumsinsel ist es überhaupt die erste U-Bahn-Station.

Bahnhöfe als unterschätzte Stadträume

Nun sind U-Bahnhöfe ja Orte, die wir im Alltag in der Regel in Eile durchqueren, wobei wir viele Details des Ortes gar nicht bewusst wahrnehmen. Dabei sind in vielen Bahnhöfen auffällige und weniger auffällige Details zu finden, welche oft die Geschichte der unmittelbaren Nachbarschaft reflektieren, und es lohnt sich durchaus, manchmal einen Moment zu verweilen, um sich Genaueres anzusehen.

Als Berlin-Ansässiger benutzt man diese neuen U5-Bahnhöfe wahrscheinlich auch eher selten. Ich bin sehr oft dort und beziehe einige der Bahnhöfe sogar manchmal in einige Touren mit ein! Sie sind alle modern, werden sauber gehalten, es gibt keine Werbung, und jeder Bahnhof ist individuell gestaltet.

Brandenburger Tor: Geschichte auf dem Bahnsteig

S-Bahn platform 'Brandenburger Tor' also showing the historic sign 'Unter den Linden'
Alte und neue Beschilderung auf dem S-Bahn-Gleis 'Brandenburger Tor'
Läuft man den U5-Bahnsteig Brandenburger Tor entlang, findet man statt schnöder Werbung an den Hintergleiswänden eine veritable Ausstellung zur Geschichte des Tores und der vielen historischen Ereignisse, die dieses einstige Zolltor so berühmt gemacht haben, wie es heute ist. Es gibt Bildmaterial aus verschiedensten Epochen: vom Einzug Kaiser Napoleons über Kaiser Wilhelm I., Nazi-Paraden, die Berliner Mauer der Teilung, J. F. Kennedy, Willy Brandt, Fidel Castro, Helmut Kohl, Ronald Reagan, Michail Gorbatschow bis hin zu jubilierenden Bürgern auf der „Panzermauer“, die im Halbkreis um das Tor ging und es so zum Tiergarten hin abgrenzte. Das Tor im „Todesstreifen“ war so eines der Symbole des Kalten Kriegs.
Hauptstadtgeschichte – im Vorübergehen.

Bevor die U5 hierhin verlängert wurde, gab es an dieser Stelle lediglich einen unterirdischen S-Bahnhof mit dem Namen Unter den Linden. Mit der Erweiterung und der neuen Funktion als Umsteigestation erhielt dieser den neuen Namen Brandenburger Tor, da die neu gebaute Haltestelle eine Station weiter nun Unter den Linden heißt.

Unter den Linden: Wissenschaft, Klang und Anthropozän

Am neuen U-Bahnhof Unter den Linden findet man eine ganz andere Ausstellung. Man steigt hier auch aus, um zum Hauptsitz der Humboldt-Universität zu gelangen, der seit der Rekonstruktion nach dem Zweiten Weltkrieg im Prinz-Heinrich-Palais untergebracht ist. Außerdem befindet man sich in unmittelbarer Nähe der Neuen Staatsbibliothek.

In diesem „Bahnhof der Wissenschaften“ gibt es eine Ausstellung zum Thema Anthropozän, dem geologischen Zeitalter des Menschen. Die Grafiken und Texte sind hier sogar in veritablen Glasvitrinen zu finden, was wohl auch einen relativ einfachen Wechsel der Ausstellung ermöglicht.

Damit nicht genug: Hier wird man oft auch vom Klang klassischer Musik umwoben! Es handelt sich um ein Pilotprojekt in Zusammenarbeit mit dem Klassik Radio: „Klangvoll im Untergrund“. Ich bin ein Fan, habe die Musik in den letzten Monaten leider nicht mehr gehört und hoffe sehr, dass dies nicht das Ende dieses Pilotprojektes bedeutet!

Der Bahnhof Unter den Linden ist auch ein dafür geplanter und gebauter Umsteigebahnhof zur U6. Daher ist dies eine weitaus großzügigere Halle, welche die Ebenen verbindet. Übrigens: Der unweit liegende Bahnhof Französische Straße wird jetzt nicht mehr benutzt und ist zu einem Geisterbahnhof geworden.

Museumsinsel: Schinkel unter Sternen

Bühnenbild 'Zauberflöte' am Bahnhof Museumsinsel
K. F. Schinkel, Die Sternenhalle der Königin der Nacht, ca. 1815
Platform of the U5 Station 'Museumsinsel', showing the blue sky over the platform
Der Bahnhof Museumsinsel mit dem blauen Himmel über den Gleisen.
Der wohl schönste Bahnhof der Strecke ist für mich der nächste Halt, der Bahnhof „Museumsinsel“. Im Herzen von Berlins historischem Zentrum, das dem Spruch „in jedem Winkel ein Schinkel“ alle Ehre macht, ist dieser Bahnhof eine gelungene, moderne Hommage an den Architekten Karl Friedrich Schinkel, der die Hauptstadt – besonders in diesem Umfeld – bis heute mit seinen Bauten maßgeblich prägt. Deshalb findet hier auch meine Tour Gebäude als Kunstwerke: Schinkels Architektur in Berlin Mitte statt!

Mehr Infos zur Schinkel Tour

Ein vielseitiger Künstler, Schinkel hat auch gemalt und Bühnenbilder entworfen. Eine sehr bekannte Zeichnung ist sein Entwurf für ein Bühnenbild für die Königin der Nacht in Mozarts „Zauberflöte“. Dieses Bild war die Inspiration für den nachtblauen und sternenübersäten Himmel über den Gleisen. Zusätzlich gibt es hierdurch noch einen Bezug zur Umgebung, denn hier steigt man auch aus für einen Besuch der wunderbaren Staatsoper Unter den Linden!

Das satte Blau harmoniert mit dem Grau des Granits. Auch hier gibt es keine Werbung. Stattdessen sind Paare großformatiger Fotografien von Details einiger umliegender Schinkel-Gebäude installiert. Details, deren historische Formen zusammen mit den Spuren der an den Gebäuden nagenden Zeit einen gelungenen Kontrast zur sauberen Modernität des U-Bahnhofs herstellen. Insgesamt wirkt das auf mich fast ein bisschen wie ein Memento mori der Architektur: Was neu war, wird alt. Der Zahn der Zeit ist unaufhaltbar …
Davon abgesehen reflektieren diese Fotos auch Schinkels Methode, an seinen Gebäuden mit Reliefs und auch Gemälden Geschichten zum Thema des jeweiligen Gebäudes zu erzählen. Ich bin aufrichtig begeistert!

Zurück nach Kreuzberg: Der Himmel über dem Schlesischen Tor

Selfie of Klaus in front of the sign 'Schlesisches Tor'
Details am Bahnhof Schlesisches Tor. Hier waren Cafés und ein Kaufhaus ansässig!
Was neu war, wird alt. Für mich heißt es nun, zurück zu meinem Heimatbahnhof zu fahren: dem Hochbahnhof Schlesisches Tor. Fernab der touristischen Mitte liegt ein Ort, dessen heutiges Leben ebenso bewegt ist wie seine wechselvolle Geschichte.

Der imposante Gründerzeitbau präsentiert sich in Kreuzberg-typischer, leicht verblasster Glorie. Wer genauer hinsieht, erkennt jedoch auch hier die stolze architektonische Ambition seiner Zeit. Gute 120 Jahre vor den neuen U5-Bahnhöfen fertiggestellt, beherbergte das Schlesische Tor einst ein Restaurant, Cafés und Geschäfte – ein Bahnhof als urbaner Aufenthaltsort.

Gleis am Bahnhof 'Schlesisches Tor'
Gleis mit Bogenfenstern am Bahnhof Schlesisches Tor
Heute ist der Bahnhof vor allem eine Durchgangsstation, die man möglichst zügig durchquert. Besonders voll wird es in den langen Nächten, wenn sich hier die unterschiedlichsten Lebenswelten kreuzen. Geradezu heldenhaft wird der Ort täglich aufs Neue von Bergen aus Dreck und Müll befreit.

Man befindet sich in einem ganz anderen, quirligen Berliner Universum voller Gegensätze: Neu-Berliner und Alt-Berliner, Hipster und Obdachlose, Pendler, Drogensüchtige, internationales Partyvolk. Der Himmel über Kreuzberg.

© Alle Fotos: Kontext Berlin / Klaus Wehner
Bild 3: K. F. Schinkel: W. A. Mozart »Die Zauberflöte«, Entwurf zur Sternenhalle im Palast der Königin der Nacht, 1815,
Gouache; 46,4 x 61,5 cm, Staatliche Museen zu Berlin, Kupferstichkabinett
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