Die Oberbaumbrücke in Berlin
Es gibt ja einige erstaunliche Statistiken über Berlin. Eine davon ist, dass Berlin mehr Brücken als Venedig hat! Wer hätte das gedacht? Eigentlich ist das aber keine so beeindruckende Tatsache. Hamburg hat noch einige mehr … und es kommt ja auch auf die gesamte Größe und Fläche einer Stadt an. Ich selbst schätze mich glücklich, nahe der imposanten Oberbaumbrücke zu leben, welche über die Spree führt und die Ortschaften Friedrichshain und Kreuzberg verbindet. Sie wird oft als die schönste Brücke Berlins bezeichnet und tatsächlich ist sie ein einzigartiges und bemerkenswertes Bauwerk und eines der bekanntesten der Stadt.
Die Geschichte des Namens
Ich überquere die Brücke regelmäßig zu Fuß oder mit der Bahn und spreche oft über ihre Geschichte auf meinen Stadtführungen im Kiez. Hierbei geht es zuerst einmal um den Ursprung des Namens. Es gab ab dem 18. bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts eine Zollmauer um das damalige Berlin, auch Akzisemauer genannt. An ihren Toren wurden Waren besteuert, die in die Stadt eingeführt wurden. Wo diese Mauer die Spree kreuzte, wurde natürlich auch der Schiffsverkehr angehalten. Hier war der Fluss durch hölzerne Pfahlbauwerke von den Uferseiten verengt, und die Durchfahrt konnte mit einem mit Nägeln besetzten Schwimmbaum geschlossen werden. Man nannte die gesamte Anlage den „Baum“. Es gab einen „Oberbaum“, wo der Fluss in die Stadt hinein floss, und einen „Unterbaum“, wo er die Stadt verließ. Der Unterbaum war zuletzt auf der Höhe des heutigen Regierungsviertels, nahe dem Reichstagsgebäude. Dort erinnert heute noch die Unterbaumstraße an diese Zeit. Das einzige erhaltene Tor der Akzisemauer ist das Brandenburger Tor.
Die Zollmauer war schon 30 Jahre abgebaut, als 1896 nach zwei Jahren Bauzeit die heutige Oberbaumbrücke fertiggestellt wurde. Zur Orientierung: Das Brandenburger Tor, welches übrigens das einzige, heute noch erhaltene Tor der Akzisemauer ist, war zu dieser Zeit erst knapp 110 Jahre alt.
Architektur & Historismus
Zeitgenössisch zur Oberbaumbrücke war zum Beispiel das Reichstagsgebäude, das erst zwei Jahre zuvor freigestellt wurde. Der heutige Berliner Dom war seit zwei Jahren im Bau, und mit dem Bau des heutigen Bode-Museums wurde zwei Jahre später begonnen. Diese Bauwerke wurden im architektonischen Stil der Zeit, dem Historismus, gebaut: Es wurde auf Stilelemente vergangener Architekturperioden zurückgegriffen. So auch die Oberbaumbrücke, die sich im Stil der Neugotik auf mittelalterliche Architektur bezieht.
Die zwei mittelalterlich anmutenden Türme der Brücke bilden ein imposantes Stadttor in Referenz zu der ehemaligen Torfunktion des Oberbaums. Einer der Türme ist von einem Berliner Bären gekrönt, der andere von einem Brandenburger Adler. Der Historismus ist der Stil des Zeitalters der Industrialisierung. Trotz des stilistischen Rückblicks entstand die Brücke als hochmodernes Bauwerk: Es war eine elegante Lösung, sowohl die Hochbahngleise als auch die Straße und einen Fußgängerweg in einem Bauwerk zu vereinen. Unterhalb der Hochbahngleise verläuft der überdachte Fußweg, der in der Form eines mittelalterlichen, klösterlichen Kreuzgangs gebaut ist – moderne Technologie im mittelalterlichen Mantel.
Die erste Hochbahn
Die Bahn selbst wurde 1902 in Betrieb genommen und war die erste Hochbahn Berlins! Die erste Fahrt verlief vom damaligen Stralauer Tor (heute Warschauer Straße) zum Potsdamer Platz – unter anderem über die heutigen Stationen Schlesisches Tor, Kottbuser Tor und Hallesches Tor. Die Hochbahn wurde zum großen Teil in der immer noch existierenden Schneise der abgebauten Zollmauer gebaut, und diese Stationen sind dort, wo in der Mauer die gleichnamigen Tore waren.
Geschichten um die Oberbaumbrücke sind so zahl- und ereignisreich wie die Geschichte der Stadt. Das Bauwerk wurde im Zweiten Weltkrieg stark beschädigt, aber die massiven Pfeiler verhinderten einen Kollaps. So stand es zu Zeiten der Teilung ohne die Türme als Grenzübergang für Fußgänger zwischen Ost- und Westberlin. Vor dem Mauerbau waren auf der Kreuzberger Seite Wechselstuben und Geschäfte, die Waren verkauften, die im Osten rar waren. Wo sich heute die Konzertbühne 'Lido' befindet war ein Kino wo Besucher aus dem Ostteil der Stadt sich US-Amerikanische Filme ansehen konnten!
Ironischerweise war gerade diese Lage an der Grenze entscheidend dafür, dass Kreuzberg zu einem so besonderen Teil West-Berlins wurde. Der Stadtteil verfügte – und verfügt noch immer – über einen großen Bestand klassischer Berliner Altbauwohnungen des Historismus. Wegen der unmittelbaren Nähe zur Mauer galt die Gegend jedoch als unattraktiv. Das zog Mieter an, die die günstigen Mieten schätzten. Niedrige Mieten bedeuteten wenig Investitionen und fast keine Modernisierung, und das Viertel blieb ein heruntergekommenes Quartier voller verblasster Pracht.
Als die Grenze im November 1989 fiel und viele Tausend Ost-Berliner die Brücke überquerten, war ihr erster Eindruck von West-Berlin dieses graue, heruntergekommene Viertel... Das war durchaus eine tiefe Enttäuschung – weit entfernt von den glitzernden Erwartungen davon, was im „Westen“ zu finden sei.
Restaurierung & heutige Bedeutung
Heute ist die Brücke wunderschön restauriert. Sie hat ein modernes Mittelstück aus einem Stahlbogen erhalten und ist nicht nur das Wappen-Wahrzeichen des Bezirks Friedrichshain-Kreuzberg, sondern auch eine Landmarke Berlins, die auf Millionen von Fotos, Grafiken und Filmen zu sehen ist. Mit der U-Bahn über die Brücke zu fahren ist durchaus ein Erlebnis. Die Spree ist hier sehr breit, und durch die erhöhte Position der Bahn hat man einen weitläufigen Blick über das Wasser und die moderne Stadt, sowohl stadteinwärts als auch in Richtung Treptow und Stralau zum „Molecule Man“.
Beim Überqueren zu Fuß kommt man dem Wahrzeichen sehr viel näher: Man hat die Wahl zwischen dem Bürgersteig neben der Fahrbahn für den Individualverkehr und dem „Kreuzgang“, der unter der Bahn entlang verläuft. Ich liebe den Kreuzgang, aber vermeide ihn auch manchmal – je nach Saison. Hier vermischt sich gerne Pissgestank mit Schwaden von Dope und Parfumdüften des Easy-Jet-Sets und anderer Touristen. In den frühen Morgenstunden der Wochenendnächte gab es im Kreuzgang oft eine Schlange gut gelaunten Partyvolks, die sich an kampierenden Obdachlosen vorbei über die halbe Brücke zog – um in den bekannten Club „Watergate“ zu kommen. Der hat nun leider Ende 2024 geschlossen – ein weiteres Zeichen des permanenten Veränderungsprozesses der Stadt. Das Mauerwerk des historischen und denkmalgeschützten Gebäudes ist über und über mit Graffiti verunstaltet. Stadteinwärts blickt man auf den schmerzhaft faden Anblick einiger „Media Spree“-Gebäude, die in Friedrichshain entlang der Mühlenstraße, zum Teil hinter der East Side Gallery, entstanden sind. Über dieser architektonischen Langweile schwebt für mich vor allem das Schlagwort „Investition“. Auch die Gründerzeitarchitektur war von Investoren getrieben, und doch ist dieser Stil, trotz seines Rückblicks auf historische Architekturepochen, mutig und voller Schwung und Vertrauen auf die Zukunft, die man hier gebaut hat. Für diese, sozusagen eingebaute, Gegensätzlichkeit steht die Brücke für mich noch heute.
In den Stahlträgern des modernen Mittelstücks ist ein bescheidenes und durchaus bemerkenswertes Denkzeichen eingebaut, das heute für viel mehr steht als die Ost-West-Teilung: Das oft übersehene Kunstwerk „Stein, Papier, Schere“ von Thorsten Goldberg zeigt bei Dunkelheit mittels Neonröhren ein endloses Auslosen von Gegensätzen als Glücksspiel: Papier schlägt Stein, Stein schlägt Schere, Schere schlägt Papier, Ost, West, Kommerz, Lebensraum, Verdrängung, Wiederaufbau, Vandalismus, Denkmalschutz, Obdachlose, Reiche, Hipster, Pissgestank, Parfumwolken, Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft, Unterfriedrichshain, Ostkreuzberg: Berlin eben.
Kreuzberg ist mein Heimatkiez – ich schätze mich glücklich, an diesem tollen Spot von Berlin zu leben. Quasi gleich vor meiner Haustür fangen diese Touren an, auf denen Ihr noch weitaus mehr über den Kiez erfahren könnt:
Kreuzberg: Mythos und Realität – Kreuzberg Tour
Die East Side Gallery – Berlin Street Art Tour