Zwei denkmalgeschützte Gebäude auf der Lohmühleninsel in Berlin: Das alte Zollhaus und die historische Tankstelle
1. Zwei denkmalgeschützte Gebäude: Rechts das alte Zollhaus und links die historische Tankstelle auf der Lohmühleninsel mit der heutigen Aral-Tankstelle dazwischen.

Die Lohmühleninsel in Kreuzberg: Ein verborgenes Stück Berliner Geschichte

von Klaus Wehner

Ich bin ein zugezogener Kreuzberger und liebe es hier. Man findet Kieze, die der Bezeichnung „bunt“ wirklich gerecht werden. Da Kreuzberg als Stadtteil auch außerhalb Berlins sehr bekannt ist, besteht hier eine hohe Nachfrage nach Stadtführungen. Meine Gäste sind oft sowohl Berliner aus anderen Stadtteilen als auch Besucher aus dem Rest Deutschlands – und natürlich internationale Touristen.

Amüsant finde ich, dass manche Besucher die Straßen erstaunlich sauber finden, andere hingegen eher dreckig. Es hängt wohl davon ab, wo man herkommt, woran man gewöhnt ist – und wo genau in Kreuzberg man sich befindet. Fast alle Besucher sind jedoch überrascht von der allgegenwärtigen Präsenz von Graffiti.

Als jemand mit einem ausgeprägten Sinn für das Visuelle ist dies ein Aspekt von Kreuzberg, den ich besonders wahrnehme. Es gibt einige Bilder und Slogans, die mir ans Herz gewachsen sind, zum Beispiel „Bonjour Tristesse“ an dem grauen Eckhaus an der Ecke Falkensteinstraße – Schlesische Straße. Dieser Spruch stammt aus der Zeit, als noch das Gerüst der originalen Bauphase dort stand! Zu Zeiten der Teilung mussten Besucher des Grenzübergangs Oberbaumbrücke diesen Slogan bei ihrer Ankunft in Kreuzberg wohl als Begrüßung wahrnehmen. Leider empfinde ich den Großteil der Graffiti eher als belanglose Schmiererei – besonders an historischen Gebäuden.

Ein solches denkmalgeschütztes Gebäude ist das ehemalige Zoll- oder Akzisehaus auf der Lohmühleninsel. Die Insel ist im Alltag leicht zu übersehen und liegt an der oberen Schleuse des Landwehrkanals, wo dieser aus der Spree austritt. Der Kanal wurde zwischen 1845 und 1850 künstlich angelegt, um das zunehmende Verkehrsaufkommen durch die Industrialisierung zu bewältigen und die Spree zu entlasten. Damals verlief er noch vollständig vor den Toren der Stadt.

Klaus Wehner führt eine Stadtführung Kreuzberg mit Gästen über die Schlesische Brücke nach Friedrichshain
2. Klaus mit Gästen während einer Wrangelkiez-Gastro-Tour auf der Schlesischen Brücke – ein weiteres denkmalgeschütztes Bauwerk.

Der parallele Flutgraben existierte bereits zuvor und wurde damals Schaf- oder Floßgraben genannt. Bis 1803 standen entlang dieses Grabens drei Lohmühlen aus der Zeit um 1750. Dort wurde Eichen- und Fichtenrinde – die sogenannte Lohe – zu Borkenmehl verarbeitet, einem Zusatzstoff für die Lederherstellung. Von diesen Mühlen hat die Insel ihren heutigen Namen.

Das Zollhaus – offiziell das „Steuerhaus der Königlichen Wasserinspektion“ – wurde 1859/60 erbaut. Hier wurden Zölle für Waren erhoben, die über den Wasserweg in die Stadt gelangten. Lange diente das Gebäude allerdings nicht als Zollstelle: 1877 wurde die Akzisegrenze aufgehoben. 1895 baute man das Haus zu einem Wohnhaus für das Personal der benachbarten Oberschleuse um. Zur gleichen Zeit entstanden auch die „Schlesische Brücke“ und die „Obere Freiarchenbrücke“. Beide stehen heute unter Denkmalschutz und bilden zusammen mit dem ehemaligen Zollhaus ein Ensemble kleiner, unscheinbarer Baudenkmäler.

Direkt daneben befindet sich ein weiteres denkmalgeschütztes Gebäude, das durch seine Nähe zu einer modernen Tankstelle leicht übersehen wird: ein historisches Tankstellengebäude aus den Jahren 1928/29. Es ist das älteste erhaltene Tankstellengebäude Berlins und zugleich das erste, das neben dem Tanken auch eine Raststätte für Autofahrer anbot.

Verlässt man die Insel stadtauswärts, überquert man den Flutgraben über die Obere Freiarchenbrücke und gelangt von Kreuzberg nach Alt-Treptow. Hier steht heute noch ein einzelnes Segment der Berliner Mauer, und etwas weiter ein weiteres denkmalgeschütztes Gebäude: ein erhaltener DDR-Grenzwachturm – leider auch immer wieder mit Graffiti versehen. Während der Teilung verlief hier die Grenze zwischen Ost- und Westberlin, zwischen Kreuzberg und Alt-Treptow. Die Straße über die Brücke endete damals abrupt an der Mauer – die Lohmühleninsel lag auf der Kreuzberger Seite im innerdeutschen Grenzgebiet.

Parkende Autos vor der Berliner Mauer in Kreuzberg, 1987
3. Die Straße über die Brücke endete damals abrupt an der Mauer, sodass ein Teil als Parkplatz genutzt wurde. Foto von 1987, Fotograf unbekannt.

Mit ihrer Lage zwischen Spree und Alt-Treptow bildet die Insel eine äußere „Ecke“ Kreuzbergs und zugleich die äußerste Ecke des ehemaligen Postzustellbezirks SO36. Dieser ragte in rechteckiger Form nach Osten hinein und war auf drei Seiten von der Berliner Mauer umgeben. Dazu war hier viel Altbau erhalten. Im West-Berlin der Teilung wollte kaum jemand in einem solchen Grenzgebiet wohnen. Man wollte die Mauer nicht täglich vor Augen haben.

Ehemaliger DDR-Grenzwachturm auf der Lohmühleninsel, Berlin Kreuzberg
4. Ehemaliger DDR-Grenzwachturm auf der Lohmühleninsel

Wo im Foto aus dem Jahr 1987 die Mauer zu sehen ist, verläuft heute eine Doppelreihe von Pflastersteinen, die den Verlauf der ehemaligen Mauer markiert – und die kann man ungehindert überqueren. So entdeckt man ein Stück Berlin, das sich trotz zentraler Lage wie Stadtrand anfühlt und bisher der Gentrifizierung weitgehend entkommen ist.

Entlang des Flutgrabens findet man kleine Clubs, Biergärten und Restaurants. Ein Stück Berlin also, das nicht viel von sich reden macht, aber besonders im Sommer unbedingt einen Besuch wert ist.

Je nach Wochentag und Tageszeit ist ein Besuch der Lohmühleninsel Teil unserer Tour: 'Kreuzberg Gastro Tour: In 5 Gängen durch den Wrangelkiez' und auch unserer umfassenden Stadtführung Kreuzberg: 'Kreuzberg: Mythos und Realität' .
Alle Fotos, wo nicht anders angegeben: © Kontext Berlin / Klaus Wehner
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