Die Granitschale im Lustgarten vor dem Alten Museum auf der Berliner Museumsinsel
1. Biedermeierweltwunder: Die Granitschale vor der beeindruckenden Fassade mit Freitreppe des Alten Museums. Mit einem Durchmesser von fast sieben Metern, einem Umfang von fast 22 Metern und einem Gewicht von 75 Tonnen ist sie weltweit die größte Schale ihrer Art, die aus einem einzigen Stück Stein gefertigt wurde.

Ein Biedermeier Weltwunder: Die Berliner Suppenschüssel

by Klaus Wehner

Ich denke, Stadtführer wissen es alle: Einheimische haben oft weniger Wissen über Details und Geschichte ihrer Stadt als Besucher – und natürlich als Stadtführer. Als Berliner Stadtführer habe ich mir deshalb zur Herausforderung gemacht, Berliner – also die, die hier wohnen – davon zu überzeugen, selbst mal auf eine Stadtführung zu gehen. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Gastro-Touren oft Berliner Gäste haben, die sonst nicht unbedingt Touren in Berlin machen würden.

Eine besonders spannendes Berliner Kunstobjekt von dem Berlin-Ansäßige oft eher wenig wissen ist die einzigartige Granitschale im Lustgarten vor der Freitreppe des Alten Museums. Die Berliner Schnauze hat diesem einst als „Biedermeierweltwunder“ bezeichneten Kunstwerk selbstverständlich einen liebevoll-respektlosen Namen verpasst: die Suppenschüssel.

Blick auf den Lustgarten Berlin
2. Blick von der Kuppel des Doms auf den Lustgarten mit der Granitschale vor dem Alten Museum. Das Layout der heutigen Grünflächen geht auf die Planung von Schinkel und Peter Joseph Lenné zurück.

Berlin ist nunmal eine Stadt mit einer wirklich außergewöhnlich bewegten Geschichte, und die Suppenschüssel ist ein Paradeobjekt um einige Aspekte dieser Geschichte zu erzählen. Sie ist tatsächlich als Paradeobjekt entstanden, und ihre Entstehungsgeschichte spricht zuerst einmal vom Repräsentationsdrang: am beeindruckendsten! Am größten!

Die Geschichte der Schale ist eng mit der Geschichte ihres Standortes verflochten: Die Schale wurde im Jahr 1826 von König Friedrich Wilhelm III. bestellt und zwar nachdem dieser erfuhr, dass der Englische Gesandte in Preußen eine ähnliche Schale beim damaligen Hofsteinmetz Christian Gottlob Cantian bestellt hatte. Der König wollte natürlich eine Schale, welche die nach England gehende in Größe und Pracht übertraf! Cantian versprach nicht nur dies sondern darüber hinaus sogar ein Prachtstück, dass die berühmte rote Schale aus Neros Goldenem Haus in der Rotunde des Vatikans übertreffen sollte. Keine bescheidene Ambition!

Diese antike Schale aus Porphymarmor und ihre Aufstellung im Vatikan war eindeutig eine Inspiration für den Baumeister des Königs, Karl Friedrich Schinkel: Er plante, die neu bestellte Granitschale in der Rotunde des von ihm entworfenen und sich damals im Bau befindlichen ‘Königlichen Museums’, dass wir heute das ‘Alte Museum’ nennen, aufzustellen. Es war der erste Museumsbau in Deutschland mit dem Zweck, eine Kunstsammlung dem Bürgertum zugänglich zu machen – außerhalb der privaten Paläste des Königs und des Adels.

Zeitgleich mit dem Bau des neuen Museums war Schinkel auch maßgeblich daran beteiligt, den Lustgarten umzugestalten. Er entwarf einen Brunnen für die Mitte des Platzes, dessen Fontäne übrigens ihren Wasserdruck von einem Wassertank auf dem Dach des Museums bekam! Außerdem gestaltete Schinkel den damaligen Dom in klassizistischer Weise neu, um ihn zusammen mit dem Museumsneubau besser in das klassizistische Bauensemble um den Lustgarten einzubetten.

Zurück zur Granitschale: Als der König die Nachricht erhielt, dass man mit dem ausgewählten Granitfindling die neue Schale sogar noch größer machen könne als gedacht, war seine Antwort natürlich, sie so groß wir möglich zu machen. Somit würden er und Preußen die allergrößte Granitschale der Welt besitzen! Und das ist sie noch heute: Die größte aus einem Stein gemachte Schale der Welt. Sie hat einen Durchmesser von fast sieben Metern, einen Umfang von fast 22 Metern und ein Gewicht von 75 Tonnen.

Allerdings wäre die Schale in dieser Größe für die Proportionen des Innenraums der Rotunde zu überwältigend geworden und so wurde entschieden, sie im Lustgarten vor dem Museum aufzustellen. Dort steht sie heute auch noch, oder besser: heute wieder. Die Nazionalsozialisten hatten den Lustgarten eingeebnet und gepflastert, um ihn für ihre Propaganda-Spektakel zu nutzen. Dabei störte sie die zentrale Platzierung der Schale, und sie wurde hinter das Museum versetzt. Im Krieg von Granatsplittern leicht beschädigt lagerte sie dann lange unbeachtet in der Nähe des Doms. 1981 wurde sie anläßlich Schinkels 200. Geburtstag an ihrem originalem Standort wiederaufgestellt.

Johann Erdmann Hummel: Die Granitschale im Berliner Lustgarten
3. Johann Erdmann Hummel: Die Granitschale im Berliner Lustgarten, 1831. Links im Bild der Bauinspektor und Steinmetz Cantian mit Zylinder. Das Gemälde ist Teil der Daueraustellung der Alten Nationalgalerie

Im Gegensatz zu dem oben erwähnten zeitgenössischen Unwissen über die Schale gab es seinerzeit ein massives Interesse der Öffentlichkeit durch alle Stadien der Entstehung: Von der Bestellung des Königs, über die Abspaltung des Granitfindlings, über den Transport, über das zweijährige Polieren mit der Kraft einer Dampfmaschine in einem eigens dafür gebauten Gebäude bis zur Aufstellung. Das Museum wurde 1830 eröffnet, die Schale wurde 1831 zunächst provisorisch aufgestellt und der Maler Johann Erdmann Hummel hielt dieses Stadium in einem detailgenauen Gemälde fest. Hier abgebildet seht Ihr die Schale in einer noch erhöhten Position. Man kann sehen, wie spiegelglatt sie damals war. Die im Bild detailgenau dargestellten Spiegelungen der Umstehenden sind auch als Hommage an das technische Wunderwerk, das die Schale darstellte zu sehen. Dieser Glanz ist nach fast 200 Jahren im Freien verloren gegangen.

Johann Erdmann Hummel: Die Granitschale im Berliner Lustgarten
4. Die Granitschale im Berliner Lustgarten heute. Blick vom erhöhten Standort auf der Freitreppe des Alten Museums.

Übrigens ist es hier auch interessant zu sehen, dass das barocke Schloss im Hintergrund noch nicht die -heute auch als Teil des Humboldt Forums rekonstruierte- prunkende Kuppel mit dem Goldkreuz hat. Diese wurde von dem nachfolgenden König Friedrich Wilhelm IV. in Auftrag gegeben und stellte seinerzeit sicher, dass das Schloss in der Stadtsilhouette das höchste Gebäude war. Und links im Bild sehen wir noch den eben schon erwähnten alten, von Schinkel klassizistisch umgestalteten Dom. Heute steht dort der 1904 fertiggestellte imposante Berliner Dom. Seine Kuppel ist auch heute noch eine der größten der Welt. Die Berliner nannten das neue Bauwerk seinerzeit den ‘Seelengasometer’ – und den Bauherrn Kaiser Wilhelm II. den ‘Reklamekaiser’.

Historisches Foto aus dem Jahr 1848
5. Die Granitschale und der Löwentöter von Albert Wolff vor dem Alten Museum. Im Hintergrund der alte Dom der von Schinkel im Rahmen der Neugestaltung des Lustgartens einen klassizistischen Vorbau erhielt. Foto aus dem Jahr 1848.

Den alten Dom ließ der Reklamekaiser abreißen - er war ihm zu klein.

Unsere Auswahl an Touren über die Museumsinsel seht Ihr hier: Museumsinsel Touren
© Fotos 1, 2, 4: Kontext Berlin / Klaus Wehner
Chat on WhatsApp
phone us
send an sms
send a mail